Der Sufismus

Die mystische Seite des Islam

Das Fundament des Islam bilden die Glaubensgrundsätze und die Verrichtung der verschiedenen Arten des Gottesdienstes. Daneben lehrt uns der Islam aber auch, uns mit guten Charaktereigenschaften zu schmücken und dadurch unseren Geist und unseren Glauben zu stärken und schließlich zu vervollkommnen. Die Verinnerlichung eines vollkommenen Glaubens und das gute Handeln, sind der Schlüssel zur ewigen Glückseligkeit; zur Glückseligkeit im Diesseits, wie im Jenseits. Doch wie kann dies gelingen?

Um seinen Geist mit so edlen und hochstehenden Eigenschaften, wie Gotteserkenntnis, Barmherzigkeit, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft schmücken zu können, ist es erforderlich, dass man sich im Gegenzug von verwerflichen und unheilbringenden Verhaltensmustern wie Hochmut, Arroganz und Selbstsucht befreit. Dies ist aber nicht ganz einfach! Denn der Virus, der für diese mentalen Krankheiten verantwortlich ist, bleibt vielen Menschen verborgen. Diese suchen die Gründe für ihr eigenes Unglück nämlich überall anders, nur nicht bei sich selbst. Der Bereich der islamischen Wissenschaften, der sich mit diesen mentalen Krankheiten und deren Beseitigung beschäftigt, ist die Wissenschaft des Tasawwuf oder zu Deutsch der Sufismus. Traurigerweise messen viele Menschen, darunter auch viele Muslime, dieser Wissenschaft nicht den ihr gebührenden Wert bei.

Der Islam ist diejenige monotheistische Religion, die als letzte entsandt wurde und die bis heute unverändert fortbesteht. Dieser zeigt dem Menschen – dem der Erhabene Allah eine bestimmten Ehrenrang unter Seinen unzähligen Geschöpfe eingeräumt hat – wie er ein gottgefälliges Leben führen kann, das zum Wohlgefallen seines Schöpfers und Herrn führt.

Der Islam besteht aus fünf Säulen: Die erste davon ist das Glaubensbekenntnis. Diesem folgen das rituelle Gebet, das Fasten, die Armensteuer und die Pilgerfahrt (Hadsch), sofern man dazu gesundheitlich und finanziell in der Lage ist. Wer diese religiösen Pflichten erfüllt und als Muslim verstirbt, der darf mit dem Wohlgefallen und der Barmherzigkeit Allahs rechnen: seine Heimstätte wird auf ewig das Paradies mit seinen unvorstellbaren Vergnügungen sein.  Wird man aber durch die bloße Verrichtung dieser Gottesdienste auch zwangsläufig einen ehrenhaften Charakter und diejenige geistige Vollkommenheit erreichen können, deren hoher Wert vom Gesandten Allahs folgendermaßen hervorgehoben wurde: „die Besten unter euch sind diejenigen, die über die besten Charaktereigenschaften verfügen“[1]? Eine andere prophetische Überlieferung  gibt die Antwort darauf: „Diejenigen von euch, die ich am liebsten habe und die mir am Jüngsten Tage am nächsten sein werden, sind diejenigen von euch, die über die besten Charaktereigenschaften verfügen. Und diejenigen von euch, die mir am verhasstesten sind und am Jüngsten Tage von mir am weitesten entfernt sein werden, sind diejenigen, die (um damit Eindruck zu schinden) hochgestochen reden und sich hochmütig benehmen.“[2] Aus dieser Aussage geht klar hervor, dass man nicht zwangsläufig durch die Verrichtung der vorgeschriebenen gottesdienstlichen Handlungen einen guten Charakter erwirbt und dass die Unterlassung der Behandlung von charakterlichen Defiziten sehr unangenehme Folgen nach sich zieht.

Einem Mensch ist es für gewöhnlich nicht möglich, aus sich selbst herauszutreten uns sich und seine Fehler durch die Außenperspektive zu betrachten. Deshalb bleiben ihm viele seiner eigenen Mängel und Fehler verborgen. Da wir Menschen aber unweigerlich auf einen Tag zusteuern, an dem uns weder unser Vermögen noch unsere eigenen Kinder helfen werden (ausgenommen davon sind jene, die mit geläutertem Herzen vor ihren Herrn treten)[3], ist es sehr wichtig, dass wir uns frühzeitig und gründlich auf dieses wichtige Zusammentreffen vorbereiten. Dabei ist es sehr ratsam, die Hilfe von qualifizierten Fachmännern in Anspruch zu nehmen, die die eigene spirituelle Erziehung betreuend begleiten. Folgende Aussage des Gesandten Allahs – Allahs Segen und Friede sei auf ihm – zeigt uns, dass es die gottesfürchtigen und aufrichtigen Gelehrten (Alims, Scheikhs) sind, die dazu geeignet sind, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen: „Die Ulema (= die Gelehrten) sind die Erben der Propheten. Zweifelsohne hinterlassen die Propheten weder Gold- noch Silbermünzen, sie hinterlassen Ilm (Wissen).“[4]

Die positiven Auswirkungen des Beisammenseins mit ehrenhaften Persönlichkeiten

Als der letzte Gesandte Muhammed – Allahs Segen und Friede sei auf ihm – damit beauftragt wurde, den Menschen die Religion Allahs zu verkünden, herrschten unter den  Menschen schreckliche Zustände und sie folgten barbarischen Bräuchen: Die Stärkeren vergingen sich ungestraft an den Schwächeren. Die Frauen wurden wie Vieh behandelt und wie Waren vermarktet. Väter begruben ihre eigenen Töchter bei lebendigem Leibe und man betete Skulpturen an, die man zuvor mit den eigenen Händen geformt hatte. Die damaligen Menschen lebten unter solch unvorstellbar grausamen Umständen, dass ihre Herzen erkalteten und zu Stein wurden. Trotz alledem entwickelten sich die Menschen, denen Allah aus Seiner unermesslichen Gnade heraus den Glauben an Ihn und Seinen Gesandten geschenkt hatte, durch die Erziehung und Betreuung des Gesandten – Allahs Segen und Friede sei auf ihm – zu Vorbildern für alle darauffolgenden Generationen von Muslimen. Durch das Beisammensein mit dem ehrenhaften Gesandten – Allahs Segen und Friede sei auf ihm –  vervollkommneten sie ihren Glauben und ihren Charakter auf solch erstaunliche Weise, dass sie der Gesandte – Allahs Segen und Friede sei auf ihm – schlussendlich als richtungsweisende „Sterne“ bezeichnete: Wer ihnen folgt, wird seine Rechtleitung finden. Dieser ersten Generation von Muslimen war das Privileg vergönnt, den Sufismus (auch wenn es diese Bezeichnung damals als solche noch nicht gab), also die geistige Erziehung des Egos, neben den anderen Bestandteilen des Islam, auf beste Weise zu erlernen und zu praktizieren. Somit ist der Sufismus also keineswegs eine Bezeichnung für eine Bewegung, die sich parallel neben dem Islam her entwickelte und gesondert von diesem entstand, sondern eine erst später verwendete Bezeichnung für die, bereits von Anfang an im Islam vorhandene, charakterliche Erziehung des Menschen. Diese bewegt sich ausschließlich im Rahmen des Islam. Ohne diese Art der Erziehung, kann die Schönheit des Islam nicht voll erkannt und seine Faszination nicht eingehend verspürt werden.

Möge uns der Erhabene Allah Aufrichtigkeit schenken! Möge Er uns (wie diese vorbildhaften Gefährten) von der Betreuung und Erziehung eines gottesfürchtigen Gelehrten profitieren lassen! Möge Er uns auf dem Weg Seines Wohlgefallens voranschreiten lassen. Amen.

Hodscha Ridvan Sönmez

[1] Bukhari: Sahih, 6035.
[2] Tirmidhi: Sunen, 2018.
[3] Vgl. Sure Schuera 26/89.
[4] Ebu Dawud: Sunen, 3643.